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Gefangen im Zeit-Paradoxon

Aktualisiert: 20. Nov 2019


Das tägliche Agieren im Paralleluniversum



Durch das Internet können wir bis in den allerletzten Winkel der Erde nach allem suchen, was es an Raritäten und Köstlichkeiten gibt. Nur Zeit wird dort niemand finden und sie ist leider auch nicht käuflich. Schon mit unserer Geburt ist uns allen bewusst, dass die Verfügbarkeit begrenzt und daher einen sinnvollen Einsatz verlangt.

Ebenso ist in der Berufswelt unser Verfügungsrahmen an nutzbarer Zeit stark reduziert. Obwohl in der Hotellerie der Zeittunnel -wegen der durchgehenden Öffnungszeiten- unendlich lang erscheint, fühlen wir uns gleichzeitig sehr beengt. Beim Gleiten durch den Time-Tunnel werden wir stets rüttelnd gegen die Wände geworfen und aus dem Gleichgewicht gebracht. Immer wieder erschüttern uns unvorhersehbare Ereignisse und verlangen die schnelle Verlagerung der Konzentration auf andere Sachgebiete. Das verringert unsere an sich knappe, kostbare Zeit und die verbliebene setzen wir dann zu oft falsch ein.

Um das zu reduzieren, gibt es reihenweise schlaue Ratgeber im Bücherregal oder Seminare zum Thema. Und dennoch gelingt es vielen nicht, hier eine Selbstdisziplinierung zu erreichen und diese auf andere erfolgreich zu übertragen. Zeitverbrauch im Unternehmen wird oft nicht linear erlebt und läuft fast immer asynchron ab.

Wer als Seminarleiter den Führungskräftenachwuchs betreut, der merkt, dass sich viele über die Relativität von Zeit(verteilungen) im Unternehmen aufregen – um dann, wenn sie selbst den ultimativen Aufstieg geschafft haben, die Probleme zu reproduzieren. Konsens in vielen Führungsetagen ist: Zeit für Mitarbeitergespräche ist immer knapp. Flache Hierarchien und der beengte Raum, in dem die Zusammenarbeit stattfindet, suggeriert uns schnell, dass doch genug Zeit miteinander verbracht wird. Der Mitarbeiter hingegen findet die Gespräche zu kurz (Ausnahme: Zielerreichung). Dagegen ist die Zeit für oft inhaltsarme Meetings für alle Mitarbeiter unendlich vorhanden – die gefühlte Zeit, die man dort verbringt, ist meist noch viel länger. Dennoch ist die Zeit für Entscheidungen immer so knapp, dass diese kaum getroffen werden.

Dem gegenüber ist die Zeit für ein Lob nicht existent. Das gleicht sich aber andererseits dadurch aus, dass die Zeit für Tadel & Schelte gegenüber den Mitarbeitern durchaus vorhanden ist. Allerdings fehlt dann wieder die Zeit, sich auf Besprechungen, Sitzungen, Meetings vorzubereiten, fast vollständig. Nein, das hat nichts damit zu tun, dass diese Treffen dann sinnlos sind (siehe oben). Das sind voneinander unabhängige Konstanten des Office-Survival-Environment.

Zeit gibt es, aber nur wenig, wenn gemeinsam über Abläufe im Unternehmen oder in der Abteilung gesprochen werden soll. Die Zeit für Betriebsfeiern wiederum bietet den ultimativen Beleg für Asymmetrie im Zeiterleben: je nach Hintergrund hat man sie gar nicht – oder unbegrenzt.

Interessant ist, dass diese paradoxen Zeiterlebnisse oft auf jeder Ebene beklagt werden. Der erste Schritt ist eine richtige Kommunikation. Dem Mitarbeiter fehlt zu oft die Berücksichtigung seiner eigenen Sichtweisen. Oft reicht es aus, wenn er sich wahrgenommen fühlt. Hohe Fluktuation entsteht vielfach durch fehlende Wertschätzung. Menschen gehen heute nicht mehr nur für die Miete arbeiten, sondern wollen etwas bewegen, etwas verändern. Der Antrieb hat sich verändert und Vorgesetzte, die das Übersehen, werden verlieren.

Natürlich ist das nicht der einzige Grund, aber wer die Kommunikation vernachlässigt, der vernachlässigt das Geschäft. Der Mensch ist aus neurobiologischer Sicht auf soziale Resonanz und Kooperation angelegt. Der Kern aller menschlichen Motivation sind gelingende Beziehungen. Wenn Ihnen dieser Aufbau gelingt, dann können Sie nicht nur viel kooperativer zusammenarbeiten, Sie können mehr Aufgaben übertragen und erreichen dennoch, dass die Eigenmotivation im Team enorm ansteigt. Allein dieses Ziel ist unendlich wertvoll.

Im Zuge des auftretenden Personalmangels, ist die Richtigstellung der Kommunikation nur der erste Schritt um dem drohenden Dilemma aus dem Weg zu gehen. Aber der muss getan werden, wollen Sie nicht morgen überrollt werden. Sonst können Sie bald Ihre Anweisungen in den Spiegel sprechen, denn es wird keiner mehr da sein, der Ihnen zuhört.


So, jetzt ist Ihre Zeit für das Lesen dieser Glosse aber wirklich abgelaufen.

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